Dienstag, 10. Mai 2016

Weimar und der Gänsekiel

Ich gehöre definitiv nicht zu den Menschen, die mit dem Baedeker vor der Nase durch eine fremde Stadt laufen und artig nach rechts und links schauen.


Am liebsten setze ich mich immer erst einmal in ein Straßencafé mitten im Zentrum und schaue Leute. Und am ersten Tag in Weimar ging das auch noch, da war noch Frühling. Am nächsten Tag kam der Winter zurück.
Frisch gestärkt und mit ersten Eindrücken von der Stadt laufe ich dann eine Weile ziellos durch die Straßen...


...finde hier etwas...


...und dort etwas, das mir gefällt oder mein Interesse erregt, und oft sind es nicht die in Reiseführern erwähnten Sehenswürdigkeiten, sondern Kleinigkeiten am Rande.
Nun ist das aber auch nicht mein erster Aufenthalt in Weimar, schließlich wohnt ein Teil der Verwandschaft in Thüringen und alles zum Thema Goethe und Schiller kenne ich seit meiner Kindheit.
Allerdings war ich noch nie in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und die hätte ich mir wirklich gerne angeschaut. Doch wer erst mittags kommt, hat keine Chance. Alle Karten ausverkauft. Pro Tag wird nur eine begrenzte Anzahl Karten ausgegeben, früh ab 9.30 Uhr. Zu der Zeit saßen wir aber noch beim Frühstück. Karten für den nächsten Tag durften wir auch nicht kaufen. Da waren die Kassendamen eisern. Man muss sich wohl schon vor Eröffnung in eine Schlange einreihen, um dann irgendwann im Laufe des Tages eingelassen zu werden. Ich verstehe das alles. Ich will mich auch gar nicht darüber beschweren. Ich erwähne es nur, damit es Euch nicht irgendwann genauso ergeht.
Man kann sich allerdings langfristig für eine Besichtigung bei der Besucherinformation anmelden. Doch das habe ich eben erst herausgefunden.


Aber ich habe etwas anderes Feines gefunden.  Eigentlich ein Angebot für Kinder, aber Erwachsene dürfen auch hinein. Und es ist sogar kostenlos.
Jeden Freitag kann man im Schillerhaus das Schreiben mit einem Federkiel üben. Natürlich die alte deutsche Kurrentschrift, nicht Sütterlin, denn die Sütterlinschrift, der all die schönen Schnörkel und Über- und Unterlängen fehlen, wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt, um den Kindern das Schreibenlernen zu erleichtern. 


Hier im Schillerhaus darf man sich noch mit den Schnörkeln abquälen.
Und so ganz nebenbei erfährt man, dass Schiller seine Manuskripte mit der Feder schrieb, die Korrekturen jedoch mit einen Bleistift einfügte, und dass es Goethe eher umgekehrt hielt, dass man für die Schreibfedern nur die vier, fünf äußeren Flügelfedern benutzt und dass die Gänsefedern aus Hamburg neben den englischen die besten der damaligen Zeit waren.
In den anderthalb Stunden, die ich hier herumspielte, kam übrigens nicht ein einziges Kind, wohl aber etliche Erwachsene, die sich mit viel Mühe und ebenso viel Spaß an der alten Schrift versuchten. Die Betreuerin dieses Projektes bestätigte mir dann auch, dass, wenn nicht ganze Schulklassen während der Führung durch das Schillerhaus hier hineinbeordert werden, Kinder eher selten auftauchen. Für Erwachsene ist es jedoch ein feiner Spielplatz.


Nun ganz auf die alte Schrift fixiert, marschierte ich zum Goethe und Schiller Archiv und seinen Schätzen - hatte ich doch gerade gelernt, dass man sich in alte Handschriften einliest, indem man damit anfängt, die Häkchen zu zählen, um herauszufinden, ob es sich um ein oder mehrere "n" oder "m" handelt, und den Rest dann dazufindet. Das wollte ich unbedingt ausprobieren.


In diesem Saal waren sie, originale Briefe, Zeichnungen und Manuskripte aus drei Jahrhunderten. Aber wo?
Nun,  unter den Filzdecken, um sie vor Licht zu schützen.
Also Filzdecke abheben und - staunen. Lesen erst einmal weniger. Theoretisch klingt das mit dem Zählen ja recht einfach, doch praktisch braucht das einige Übung und Zeit. Und die ging mir langsam aus. Bei den letzten Blättern schaffte ich es gerade noch, die "Übersetzungen" zu überfliegen, die dankenswerterweise immer daneben liegen.
Es macht solchen Spaß, alte Schriften anschzuschauen, zu versuchen, sie zu entziffern, und sich den einen oder anderen Gedanken dazu zu machen. Ich hätte noch Stunden dort verbringen können. Aber ich musste los. Leider. Es blieb gerade noch Zeit für ein paar eilige Fotos.


Wem die wunderschöne, schwungvolle Handschrift oben auf dem Bild gehört, kann ich leider nicht mehr sagen. War's Schiller? War's Schlegel? War's jemand ganz anderes? Ich Dusseltrine hab's vergessen aufzuschreiben.
Das untere Manuskript ist von Nietzsche. Das habe ich mir zwar genauso wenig notiert, aber man kann es auf dem Bild lesen. Außerdem habe ich mir diese Schrift gemerkt und das nicht, weil sie mir besonders sympathisch ist. Er muss schon ein seltsamer Kauz gewesen sein. Kennt Ihr "Und Nietzsche weinte" von Irvin D. Yalom? Wenn nicht - es ist lesenswert.

Eigentlich wollte ich ja schon ganz viel von meiner Reise berichtet haben, doch das Leben 1.0 läßt mir im Moment kaum Zeit fürs Bloggen. Nicht einmal Eure Beiträge konnte ich in den letzten Tagen lesen. Und es wird wohl auch noch eine Weile so bleiben. Um so mehr freue ich mich, dass trotz der Stille hier immer mal einer von Euch vorbeischaut und einen netten Gruß hinterläßt. Vielen lieben Dank dafür.


Wenn ich es schaffe, spazieren wir morgen durch den Park an der Ilm. Ein paar Fotos habe ich schon herausgesucht.

Lieben Gruß und einen schönen Abend
Katala

Kommentare:

  1. Liebe Katala,
    ich habe deinen Bericht genossen. Wunderschön.
    Er hat Erinnerungen wachgerufen. Auch dafür DANKE.
    Ich wünsche Dir einen geruhsamen Abend
    Irmi

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  2. Ohooo, das erinnert mich an das Schiller Nationalmuseum in Marbach, bei mir um die Ecke. Da sieht es ähnlich aus und viele Manuskripte von Schiller sind zu sehen oder auch andere? Da bin ich auch so, ich habs vergessen,
    sollte mal wieder hin. Du hast mir jetzt Lust drauf gemacht.

    Ein schöner Bericht.
    Vielen Dank und einen lieben Gruß sendet Eva


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  3. ...ein schöner und informativer Bericht, liebe Katala,
    mich hätten ja die alten Noten auch interessiert...kann man gut verbasteln bei dem Preis ;-)...wünsche dir im Alltag genügend Atempausen zum Auftanken,

    liebe Grüße
    Birgitt

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  4. Ach Weimar...es hat mal eine Zeit gegeben, da wäre ich gerne dorthin gezogen. Denn das war eine Stadt, die mit all den schönen, unzerstörten Orten im übrigen Europa mithalten konnten und so wenig amputiert aussah, als unsere Städte im Westen, denen der Krieg viel abverlangt hatte. Das war eine große Sehnsucht von mir...
    Die Bibliothek kenne ich nur aus der Zeit vor dem Brandt. Und sie war mir von allen besichtigten Bibliotheken die allerliebste.
    Übrigens habe ich so einen Kinderschreibkurs in Merseburg mitgemacht. Zu den Zaubersprüchen! Himmlisch! Ich habe dann mit meiner Kkasse entsprechende Laternen zu Sankt Martin gebastelt. Da hatten auch die Kinder am Schreiben Spaß.
    Danke fürs Erinnern!
    Astrid

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  5. Verzeih die vielen Fehler:iPad im Bett, sag ich nur!

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  6. Ich durfte in einem kleinen aber feinen Dorfmuseum irgendwo an der Nordsee auch schon mal mit Federkiel das Schreiben üben.. es ist gar nicht so einfach, nicht wahr?! Es kratzt ganz schön ;)) Vielen Dank für den Bericht aus Weimar ;) Und was die Zeit und das Leben 1.0 angeht. Bei mir ist es nicht anders ;)) Liebe Grüße, die Frau Nachbarin.

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  7. Sehr interessant und auch ein wenig witzig. Dass Sütterlin das Schreiben erleichtern soll will mir persönlich nicht so einleuchten, aber ich gehöre wahrscheinlich zu den eher talentfreien Schreiberlingen. Aber ich hätte mich unbedingt da hingesetzt und es ausprobiert. Meine Zeit in Weimar mit Schlangestehen zu verbringen wäre auch nicht meins gewesen, auch wenn das Ziel noch so lockt. So etwas verschämt muss ich zugeben, dass ich 1998 zum letzten Mal in Weimar war, die Stadt war damals eine einzige Baustelle wegen der Kulturhauptstadt Europas. Aber mir hat es trotzdem sehr gefallen. Und mit dem Reiseführer laufe ich auch nie durch die Stadt, aber ich informiere mich vorher, was es so alles zu betrachten gäbe, um dann doch wo ganz anders hängen zu bleiben...
    Liebe Grüße

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  8. Liebe Katala, da hast Du uns aber auf eine interessante Reise mitgenommen. Schöne Motive findet man überall, vor allem wo der normalo Mensch sie nicht vermuten würde. Das mit den alten Schriften hätte mich auch faszinieren können. Vielen Dank fürs Schreiben. LG Marion

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Schön, dass Du mich besucht hast.
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