Montag, 11. April 2016

Müll

Ich mag ihn nicht, den Müll, der heutzutage überall herumliegt, einfach achtlos fallengelassen oder ganz bewußt in Wälder oder an Wegränder geschmissen wird.
Andererseits jedoch  mag ich Müll, allerdings nur den der vergangenen Zeiten.



All das auf diesem Foto ist Müll. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich habe es von einer alten Deponie.
Als mit der beginnenden Industrialisierung sich der Müll in den Städten zu stapeln anfing, schaffte man ihn ins Umland. Rund um Berlin gibt es etwas 20 solcher alten Deponien. Wo sie sich befinden, war zu Ostzeiten ein gut gehütetes Geheimnis. Nicht von Staats wegen. Ich bin nicht einmal sicher, ob die davon wußten. Es war das Geheimnis derer, die dort die alten Schätze ausgruben und auf  Flohmärkten verkauften. Ich habe mich oft mit diesen Händlern unterhalten und dabei viel über diese Deponien erfahren.
Ich habe inzwischen auch versucht im Internet etwas darüber zu finden. Fehlanzeige. So kann ich mich also nur auf das verlassen, was man mir auf den Flohmärkten erzählte.
Wahrscheinlich wurden diese Deponien nicht länger als bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekippt, denn man findet dort nichts mehr aus späteren Zeiten. Dafür jede Menge Dinge der Jahrundertwende und früher.


Durch Zufall habe ich nach der Wende eine dieser Deponien gefunden und dort selbst einen Sommer lang gegraben.  Es war so spannend wie Schatzsuche. Es war Schatzsuche. Und es war anstrengend, denn der Sommer ist nicht die beste Zeit dafür. Ein ordentlicher Schätzgräber ist im zeitigen Frühjahr unterwegs, bevor alles wieder überwuchert und der Boden noch locker ist. Doch da hatte ich diese alte Müllkippe noch nicht entdeckt.


Viele Wochenenden habe ich dort verbracht, mich durch Unmengen Asche und Schlacke gegraben und tausende Scherben gefunden. Doch ich bin sicher, nicht alles war kaputt, als es in den Müll kam. Vieles ist erst beim Abkippen zerstört worden.
Ein ganz besonderes Highlight war es immer, wenn ein noch intakter Porzellanpuppenkopf zum Vorschein kam. Welches Kind um die Jahrhundertwende wollte schon noch mit so einer zerbrechlichen Puppe spielen, wo es doch inzwischen die viel moderneren Puppen aus Celluloid gab, die zudem auch nicht so empfindlich waren. Wahrscheinlich flogen damals die alten Porzellanpuppen zu Hunderten auf den Müll, denn nur das erklärt die zahllosen Bruchstücke.


Ein Rätsel sind diese kleinen Keramiktöpfe. Man findet sie zu Tausenden. Alle Schatzgräber verkauften sie auf den Flohmärkten, damals das Stück zu zwei Mark. Jedes einzelne handgearbeitet und damit einzigartig. Nur was darinnen war, darüber gingen die Meinungen auseinander. Manche meinten, es seien Salbentöpfe. Glaube ich aber nicht.
Ich fand auch sehr viele. Viele davon angeschlagen, ebenso viele aber auch makellos. In einem war noch ein wenig Inhalt. Ich denke, es war Schuhcreme oder Bohnerwachs. Ich würde zu gerne wissen, ob man sie gefüllt kaufte und dann wegwarf, oder ob man sie sich immer wieder beim Krämer nachfüllen ließ, bis ihre Zeit durch neue, industriell zu fertigender Materialien abgelaufen war, und alle mehr oder weniger auf einmal in den Müll wanderteten, weil  niemand mehr handgearbeitetete Schuhcremetöpfchen brauchte. Genau so wenig wie die Steingutbierflaschen, auf denen oft die Namen der Besitzer eingebrannt waren. Auch davon habe ich viele gesehen, doch leider keine, die noch heil war.
Dafür aber jede Menge alter Glasflaschen - Medizin, Parfüm, Putzmittel und auch Bier.


Die schönen alten gläsernen Bierflaschen waren leider auch meist kaputt, denn je größer etwas ist und dazu noch hohl, desto schneller geht es beim Aufprall der nächsten Mülladung in Scherben. Aber die alten Porzellanverschlüsse, die haben den Sturz meist überlebt.

Ich würde sehr gerne noch einmal zum Graben auf diese alte Deponie fahren, doch als mir einer der Profis erzählte, dass man ihm, während er grub, die Reifen des Autos zerstochen habe, mir aber natürlich nicht verriet, wo das war, hat es mir den Spaß daran verdorben. Denn so mutterseelenallein mitten in der Brandenburger Pampa und ohne Handy möchte ich nicht mit zerstochenen Reifen stehen.

Nun hatte ich diesen Beitrag schon seit längerem für Fraukes SchwarzWeissBlick geplant.
Weil Lotta aber gestern in ihrem Projekt "Bunt ist die Welt" das Thema Müll hatte, verlinke ich den Post auch zu ihr - auch wenn es wohl nicht so ganz der Müll ist, den sie gemeint hatte. Aber Müll ist es auch.

Euch allen einen schönen Resttag
Lieben Gruß
Katala

Kommentare:

  1. Mein Begriff "Müll" ist absolut nicht festgelegt...Wunderbarer Beitrag dazu. Wenn ich so einen Porzellankopf einer Puppe sehe, muss ich sofort daran denken, dass ich genau so einen als Kind beim Spielen mal zerbrochen habe...ups. LG Lotta.

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  2. Das, was du zeigst, ist doch auch mal auf den Müll geworfen worden, bevor du dich als Schatzgräberin betätigt hast. Ich finde das ja sehr spannend. Man kann richtig nachempfinden, wie sich ein Archäologe fühlen muss, wenn er plötzlich auf ein Fundstück stößt. Die alten Bierdeckel wären ein tolles Sammelobjekt. Vielleicht waren die Tontöpfe so ein Alltagsgegenstand, wie heute Tupper-Dosen. Man könnte z.B. Butter reinfüllen. LG Sigrun

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  3. Hallo Katala,
    das ist ja gerade wunderschöner Müll, den würde ich auch nehmen. Da hast du aber wirklich Glück gehabt und auf deinen Fotos hast du ihn in so schön in
    Szene gesetzt.

    Lieben Gruß Eva

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  4. das kann man wohl nicht als müll bezeichnen * obwohl vieles ähnliches weggeworfen wird. dieses kann noch verwendet werden * mit ein schuss kunst und fantasie, ich gehe gerne bei EMMäUS wo dinge die sortiert werden komischerweise doch immer jemand ansprechen.

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  5. Das ist Müll nach meinem Geschmack. Schön, dass man auch mal ein positives Beispiel für Müll beleuchtet. Als wir gestern auf dem Berliner Ring waren, haben wir gerade über die vielen großen ehemaligen Müllberge gesprochen, die sich mittlerweile begrünt wie ein Gebirge durch Berlin ziehen. Überall wurden ja aus den ehemaligen Trümmerbergen dann Mülldeponien. Und ich hatte dabei das Lied Mont Klamott von Silly in den Ohren (schönes Lied). Ich finde das gut, dass heute die Leute lieber ihren "Müll" in einen Trödelladen bringen und andere noch etwas davon haben.
    Liebe Grüße

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  6. Genial...dann musst du halt jemandem mitnehmen, der auf dein Auto aufpasst. Diese Deponie würde ich mir nicht entgehen lassen...
    Annette

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  7. einfach großartig, was du dort gefunden hast. und es war ja tatsächlich mal müll! wir kennen auch solche halden, z.b. in einigen töpfergegenden oder glashütten. dort wurden früher einfach alle fehlbrände und angeschlagenen sachen verbuddelt. ich habe auch noch einige scherben. die wenigen ganzen teile habe ich irgendwann mal einem kleinen museum weitergegeben.
    bei deiner müllhalde hätte ich zu gern mitgebuddelt!
    liebe grüße von mano

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  8. Nein, wie wunderbar ist dieser Post, liebe Katala! Du bist ein Goldgräberin.. einfach klasse!! Ich wäre gerne mit Dir durch die Deponie gestapft und hätte mit gesucht.. unglaublich, was Du alles gefunden hast.. schütttel den Kopf! Liebe Montagsgrüße, Nicole (deren Oma auch so ein Töpfchen hatte, da war immer selbstgemachtes Griebenschmalz drin ;))

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  9. Also, das sind doch die archäologischen Grabungsstätten der Zukunft, so, wie sich das liest. Du machst die Ausgrabungen eben schon ein bißchen früher. Mit den Gedanken ein wenig spazieren gehen, in den alten Zeiten und sich fragen, wer das gefertigt hat, wer damit umgegangen ist, ist allein ein Vergnügen. Oder auch die historische Beschäftigung damit. Das ist ein ganz breites Betätigungsfeld und kann unglaublich viel Spass machen.
    Den wünsch ich Dir damit auch für Deine nächsten Entdeckungstouren.

    Lieben Gruß,
    Beate

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  10. Tolle Geschichte, tolle Objekte! Wir selbst haben beim Anlegen des Gartens auf unserem Grundstück auch viele alte Fläschchen & Objekte aus Metall gefunden, die dort bei den Bombenangriffen zwischen den Trümmerziegeln gelandet waren ( sämtliche Häuser der gegenüberliegenden Straße waren zerstört ). Noch toller ist das Suchen & Finden auf antiken Stätten. Mein Mann hat das als Student auf römischen Ausgrabungsplätzen gemacht. Da gibt es noch manche antike Scherbe hier im Haushalt...
    Mir gefällt vor allem das tolle Foto - Stillleben!
    LG
    Astrid

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  11. Wie gut, dass du den Post noch nicht veröffentlicht hattest! Er passt ausgezeichnet zu Lotta's bunter Welt.
    Das war bestimmt trotz der Plackerei ein wunderbar spannender Sommer, da wäre ich gern dabei gewesen. Alter Müll, so, wie du ihn hier zeigst, den mag ich auch. Der Müll, den wir heutzutage immer und überall präsentiert bekommen, den kann ich genauso wenig leiden wie du. Mir fehlt absolut jedes Verständnis für wilde Müllkippen oder Menschen, die Ihren Müll einfach irgendwo oder neben den städtischen Mülltonnen abladen. Aber auch für die Raucher, die die Kippen auf den Boden schmeissen, die Schachtel und das leere Feuerzeug gleich hinterher und die, die ihre Kaugummis in die Gegend spucken. Ich bin Gott sei Dank so erzogen worden, dass ich meinen Müll dorthin tue, wo er hingehört, wo auch immer das jeweils ist.

    Bethel wäre wirklich etwas für dich, da gibt es viel zu sehen und zu lesen!
    Ich bin auch gesapnnt, was ich zu sehen bekommen werde - meine Schwester und ihr Freund fahren schließlich, da dürfen sie auch bestimmen ;-)

    Jo, ich war wirklich so diszipliniert und habe den Wagen wieder leergeräumt. Und es nicht bereut - das Fell ist so gemütlich! Bilder habe ich schon gemacht vom Schaf, aber die Mutter ist zwischen mich und den Post gekommen, wir mussten im Strandkorb faulenzen, das ging vor ;-)
    Och, Lightroom läuft nicht weg ... ich hab's ja auch erst im dritten Anlauf richtig angeguckt ...

    Ich wünsche dir eine wunderbare udn hoffentlich sonnige Woche ... liebe Grüße, Frauke

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  12. Oh, da würde ich Dich begleiten, mit Dir graben und mit einem Auge immer das Auto "bewachen".
    Für mich ist das kein Müll, es sind Schätze.
    Ein toller Post!
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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  13. Ich käme mit, denn Schatzsuche ist auch etwas für Erwachsene ;-) du hast jedenfalls wunderbare Dinge entdeckt und geborgen und sie auch noch dekorativ zusammengestellt.
    LG, Ingrid

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Schön, dass Du mich besucht hast.
Ich freue mich über jeden Kommentar.