Samstag, 20. September 2014

Verlange niemand von mir Bescheidenheit

Bescheiden sein. Genügsam sein. Sich begnügen mit dem, was man hat. Sich in die Gegebenheiten fügen...

Was für eine Tugend...
So man sie brav befolgt, macht sie einen fast den Göttern gleich...
...oder verspricht ein besseres nächstes Leben...
...und wenn nichts anderes, so verheißt sie einem wenigstens Glück...

Und wer will das nicht? Ich will es auch, das Glück.
Aber durch Genügsamkeit?


Zu meinem und unser aller Glück waren nie alle Menschen genügsam und fügten sich in die Dinge, so wie sie waren. Wären sie ach so bescheiden  gewesen, säße ich nämlich heute noch in einer kalten Höhle auf hartem Stein und nicht auf einem weichen Sessel im Warmen.



Wären unsere Vorfahren stets tugendhaft gewesen, müsste ich mein Essen noch immer mit der Steinschleuder erlegen und könnten es bestenfalls auf einem Felsvorsprung anrichten. Kein schön gedeckter Tisch.

Doch machte mich das unglücklich? Nein, wahrscheinlich nicht. Aber nicht, weil ich mich so brav in einer selbstauferlegten Genügsamkeit übte, sondern nur, weil meine Phantasie nicht ausreichte, einen Tisch zu erfinden.
Glücklich sein könnte ich auch ohne Tisch.



Glücklich sein kann man mit sehr wenig. So waren in einer  weltweiten Studie von 1998 zum Glückempfinden auch Bangladesch, Aserbaidschan, Nigeria, die Philippinen und Indien auf den ersten fünf Plätzen und nicht die hochentwickelten, reichen Industrieländer.  (Quelle: Wikipedia)


Menschen, so arm wie Kirchenmäuse, nannten sich glücklich.
Andere Kulturen. Andere Religionen. Sicher. Doch erzähle mir niemand, diese Menschen lebten freiwillig in solcher Armut, nur um ihr Seelenheil und ihr Glück nicht zu gefährden. Wohl kaum einer von ihnen würde angemessenen Wohnraum, ausreichend gesundes Nahrung und ein wenig Luxus ausschlagen, wenn man es ihnen denn zugestehen würde.



In anderen Studien, in denen die Gesundheit und die Teilhabe an Wohlstand und Bildung ausschlaggebende Kriterien für das Glücksempfinden sind,  da rangieren diese Länder dann auch ganz hinten. Kein Wohlstand: kein Glück. In diesen Studien nehmen die Nordeuropäer die ersten Plätze ein, ganz vorne Dänemark.

Ja, die glücklichen Dänen. Stets und ständig werden sie zitiert. Doch sind sie so bescheiden, so genügsam, so voller glücksverheißender Tugend?



Neben vielen anderen Studien gibt es den Happy Planet Index, eine Studie, die im Zusammenhang mit den glücklichen Dänen jedoch eher selten genannt wird, denn darin schneiden sie gar nicht gut ab (Quelle: Wikipedia).
Sind die Dänen da plötzlich weniger glücklich? Nein, keineswegs. Nur wird in dieser Studie  auch der "Ökologische Fußabdruck" erfasst und das ist - kurz gesagt - die Fläche auf der Erde, die pro Jahr notwendig ist, um Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen zu gewährleisten.Und je größer der ökologische Fußabdruck ist und je weiter er über die eigenen Landesgrenzen hinausreicht, desto weiter rutscht ein Land nach hinten. Dänemark im Jahre 2012 bis auf Platz 111. Das war ganz hinten. Und das klingt gar nicht nach Bescheidenheit und Genügsamkeit.

Deutschland schneidet in dieser Studie übrigens besser ab, Deutschland liegt auf Platz 46. 



Ja, ich weiß, all solche Studien haben ihre Schwächen. Keine Studie der Welt ist in der Lage, etwas vollständig zu erfassen, ganzheitlich abzubilden.
Und ich will hier den armen Dänen auch nicht vorwerfen, dass ihre vielgepriesene Glücksseligkeit offenbar einen Haken hat. Dänemark ist ein wunderschönes Land. Die Dänen sind nette Menschen und sie haben sich die Kriterien für diese Glücksstudie, in der sie seit Jahren ganz vorn rangieren, ja nicht selbst ausgedacht.

Doch Vorsicht mit der Forderung nach Bescheidenheit. Es ist immer so leicht, sich genügsam zu geben, wenn man alles hat und etliches darüber hinaus. Oft steht hinter dieser Forderung nichts anderes als das Bestreben, die Dinge so, wie sie gerade sind, möglichst zu belassen.


Was uns zur Ehre gereichte, wäre nicht mehr Bescheidenheit, sondern die ganz unbescheidene Forderung nach Achtung aller Menschen und aller Ressourcen auf dieser Erde gleichermaßen.



... das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf  Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben...

(Auszug aus Heines "Deutschland. Ein Wintermärchen")


So, das musste mal raus. Nicht dass das alles wäre, was ich zu diesem Thema zu sagen hätte, aber an dieser Stelle ist Schluss für heute.

Habt alle einen guten Start ins Wochenende
Lieben Gruß
Katala

Kommentare:

  1. Liebe Katala, keine Studie der Welt ist in der Lage irgendetwas vollständig zu erfassen. Und schon gar nicht, ob die Menschen in einem Land glücklich sind... Aber Du hast schon Recht: Bescheidenheit ist eine Zier und bestimmt würde der Menschheit Bescheidenheit gut zu Gesicht stehen. Man sollte sich immer fragen, ob man nicht auf Kosten von anderen lebt und ob man das mit sich selbst vereinbaren kann.. Vielen Dank für Deine ehrlichen Worte, das muss mal gesagt werden. (Du hast mir soeben ein wertvolles Gespräch mit meinem Herzallerliebsten geschenkt.) Ganz herzliche Grüße, Nicole

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  2. Liebe Katala,
    jetzt weiß ich, was dich so umtreibt, wenn du nicht schlafen kannst!
    Nein, auch ich bin nicht bescheiden, denn dann hätte ich das Leben, was ich jetzt habe. Aber ich fröhne auch nicht der Maßlosigkeit und bleibe so hoffentlich ganz gut in der Balance. Und dass die Armen und Ärmsten dennoch oft die Glücklicheren sind, das mag daran liegen, weil sie nicht kennen, was wir vermissen würden. Und sich noch über Dinge freuen, die wir gar nicht mehr wahrnehmen.

    Hab' du auch ein schönes Wochenende Ende, liebe Katala!

    Liebe Grüße ... Frauke

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  3. Mit dem Wort Bescheidenheit kann ich gar nichts anfangen, ich glaube, es kommt in meinem Wortschatz nicht vor, scheint aus einem anderen Jahrhundert. Mit Demut vor dem Leben kann ich mittlerweile sehr gut etwas anfangen. Dieses "was kostet die Welt-Gefühl" ist mit zunehmendem Alter verschwunden und das finde ich gut so. Am Glück muss man wohl immer arbeiten, es gleichzeitig aber nicht ständig suchen. Ich denke zur Gesamtheit Glück gehört auch das Zufalls-Glück, das heißt wann und wie befinde ich mich wo und mein persönlicher Beitrag ist es dann, aus diesen äußeren Bedingungen für mich etwas zu machen. Mich treiben solche Themen immer noch im Zusammenhang mit der Ost/West Thematik um. Bescheidenheit ist für mich auch keine Zier, schon gar nicht im Geiste.
    Deutschland ein Wintermärchen - war mein Thema für die Deutschprüfung. Dadurch habe ich Herrn Heine jahrelang missachtet - ganz zu unrecht. Liebe Grüße

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  4. Studien über das Glücklichsein sind aus meiner Sicht grundsätzlich schwierig, da man das Glücklichsein ja nicht objektiv messen kann und jeder doch eine ganz individuelle Vorstellung davon hat, was ihn glücklich macht. Mit dem Wort Bescheidenheit kann ich durchaus etwas anfangen. Es kommt doch darauf an, in welchem Zusammenhang man von Bescheidenheit spricht. Sich im Wissen zu bescheiden bringt die Menschheit sicherlich nicht weiter, aber sich in den Resourcen der Erde zu bescheiden schon, denn dann haben auch unsere Urenkel noch Anteil daran...LG Lotta.

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  5. Ich denke, die Menschheit braucht eher Demut und Respekt.
    Glück ist eine Sache der individuellen Defintion.
    Bescheidenheit kann bremsen, richtig, jedoch zur rechten Zeit auch voran bringen.
    Aber ein bißchen mehr Demut und Respekt würde vieles für viele verbessern.

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  6. Wenn du mit einem Mathematiker verheiratet bist, der zerpflückt dir solche statistischen Aussagen in Sekundenbruchteilen... Deshalb beschäftige ich mich mit den Aussagen derselben meist schon gar nicht mehr. Hingegen war ich immer ein Mensch, der sich nicht zufrieden geben mag mit den Dingen, die so sind, weil sie immer so waren. Ich glaube allerdings mit zunehmendem Alter immer weniger, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen ist und das selbige irgendwann auf dieser Erde herrschen wird, sondern eher das dieser Versuch - "menschliches Leben auf der Erde" - schief geht. Trotzdem möchte ich für meine wunderbaren Enkelkinder, ja die Kinder dieser Erde überhaupt, noch retten, was zu retten ist. Und dazu gehört auf jeden Fall eine gerechtere Verteilung der Ressourcen.
    In diesem Sinne!
    Astrid

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  7. Hallo Katala,

    ich für mich glaube, das es auf Bescheidenheit gar nicht ankommt. Obwohl mir übertriebene Dekadenz und zur Schau gestellter Luxus ein unangenehmes Gefühl vermitteln. Ich habe Glück mich nicht allzusehr in Bescheidenheit üben zu müssen. Mag aber Menschen die es sind sehr. Vielleicht weil ich nicht so bin. Was ich aber wirklich wichtig finde ist Dankbarkeit, für das was man hat (egal wie viel es ist) und das ist glaube ich der Unterschied bei der Zufriedenheitsstatistik...
    Ein sehr guter Post der zum Nachdenken anregt!

    Liebe Grüße aus Berlin
    Doreen

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  8. Liebe Katala,
    ich denke, jeder Mensch an jedem Platz dieser Welt kann glücklich sein. Ganz viel zum Glück hilft einem garantiert, wenn man das Gefühl des Neides nicht kennt!
    Liebe Grüße in die Mitte der Woche schickt Dir die Elke

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