Freitag, 8. August 2014

Abends am See #2

Heut ist ein schöner Abend. Kommt, lasst uns an den See gehen. Wir schwimmen eine Runde und dann setzen wir uns ans Ufer unter die Weide, schauen in die Dämmerung und ich erzähle eine Geschichte. Nein, nicht die vom Seeungeheuer. Die erzähle ich erst im Herbst, wenn die Badesaison vorbei ist. Dann habt Ihr sie bis zum nächsten Sommer vergessen. Das ist besser. Schließlich will ich Euch nicht das Fürchten lehren. Heute erzähle ich von einem anderen Ungeheuer, einem unheimlichen Wesen aus den Tiefen der masurischen Wälder.



Es ist schon viele Jahre her. Den ganzen August wollten wir auf unserer Wiese in den Masuren bleiben. Schon im Jahr zuvor hatten wir unseren Sommerurlaub dort verbracht. Eigentlich hatten wir damals nach Augustow gewollt. Alle, die in die Masuren wollten, fuhren damals nach Augustow. Aber wir sind nie bis dorthin gekommen.



Wir waren mit dem Zug bis Warschau gefahren und den Rest der Strecke wollten wir trampen. Damals machte man das noch. Eigentlich war es die übliche Art, sich von A nach B zu bewegen, wenn man jung war und nicht viel Geld hatte. Und so saßen wir also irgendwo zwischen irgendwo und irgendwo in Polen an der Landstraße und warteten auf das nächste Gefährt. Es war schon später Nachmittag und wir waren noch nicht weit gekommen. Aber Zeit spielte damals keine Rolle. Es war auch unwichtig, wann wir ankommen würden. Es war nur wichtig, unterwegs zu sein. Und wo immer uns die Nacht überraschte, konnten wir unser winziges Zelt aufschlagen und auf den nächsten Tag hoffen. In der Nacht zuvor war es ein Truppenübungsplatz gewesen. Das merkten wir jedoch erst, als wir am nächsten Morgen die Panzer rollen hörten.



Eigentlich hatten wir uns schon damit abgefunden, auch an jenem Tag die Masuren nicht mehr zu erreichen, als ein Lada, der an uns vorbeigefahren war, doch bremste, zu uns zurückrollte und neben mir zum Stehen kam. Der ältere Herr fragte mich etwas auf Polnisch. Als ich auf Deutsch antwortete, ich kann nämlich kein Polnisch, entgleisten ihm die Gesichtszüge. Ich sah es in seinen Augen: für einen kurzen Moment überlegte er, einfach weiterzufahren. Doch er tat es nicht. Wir durften einsteigen. Einige Zeit fuhren wir schweigend. Dann fragte er in perfektem Deutsch, woher wir kämen und was wir uns denn von Augustow erhofften. Als wir ihm erzählten, dass wir dort einen Flecken nur für uns suchten, tief in den Wäldern an einem einsamen See, bat er uns, ihm zu vertrauen und mit ihm zu kommen. Wir vertrauten Andrzej .



Es wurde dunkel und wir fuhren immer noch. Die Straßen wurden schlechter. Um uns herum war bald nur noch finsterer Wald. Nirgends mehr ein Dorf. Endlich hielten wir an einem einsam gelegenen Gehöft. Kein Fenster war erleuchtet. Leise stiegen wir eine steile, schmale Holzstiege hinauf in eine Dachkammer.  Dort gab es nur das Nötigste: Ein Tisch, zwei Stühle, ein Schrank, ein Bett, eine winzige Kochstelle. Das war sein Sommerdomizil. Von irgendwoher holte Andrzej zwei Feldbetten für uns. Ich konnte ewig nicht einschlafen. Unsere Betten standen dicht an dicht. Solche Enge war ich nicht mehr gewohnt. Und ein wenig unheimlich war mir auch.



Als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster sah, blickte ich auf einen riesigen See. Doch Andrzej führte uns vom Gehöft weg, einen Bach entlang einige hundert Meter durch den Wald, weiter über eine kleine Wiese und noch ein paar Meter durch den Wald bis zu einem anderen See, klein und einsam. Ja, das war es, was wir gesucht hatten. Wir schlugen am Rande der Wiese unser Zelt auf , blieben, so lange wir konnten, und wussten schon bei der Abreise , dass wir den nächsten Sommerurlaub wieder dort verbringen würden.



Und nun waren wir wieder da. Schon seit fast zwei Wochen. Allein auf unserer einsamen Wiese mit dem kleinen einsamen See in der Nähe. Es war, als seien wir nie weggewesen. Unser winziges Zelt hatten wir an der gleichen Stelle wie im Vorjahr aufgeschlagen. Das Erdloch für die Lebensmittel hatten wir nur ein wenig ausbessern müssen. Selbst das Holz zum Abdecken war noch da, auf das wir, um es zu beschweren, wieder unser Campinggeschirr stellten. Und wieder brannte jeden Abend ein paar Meter vom Zelt entfernt unser Feuer bis in die Nacht, bis wir schlafen gingen.



Als ich an jenem Abend im Zelt lag, hörte ich plötzlich ein eigenartiges Geräusch, ein seltsames Schnaufen. Der gute Gatte lag still neben mir. Er schlief immer sofort ein. Ich lauschte in die Nacht. Das Schnaufen kam näher. Erst dachte ich, es sei ein Igel, denn die machen manchmal solch gruselige Geräusche. Doch dann hörte ich, wie etwas mit hohen Beinen über die Zeltleinen stieg. Ein Mensch konnte es nicht sein. Menschen klingen anders. Aber was war es, das um unser Zelt lief und daran schnüffelte? Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Keinen Laut gab ich von mir, weil ich nicht wußte, was dann passieren würde. Wie erstarrt lag ich da und horchte auf die Geräusche hinter der dünnen Zeltwand. Mir schien es eine Ewigkeit. Dann hörte ich, wie sich das Etwas an unserem Geschirr zu schaffen machte, erst ganz vorsichtig, dann heftiger und dann fingen die Töpfe an zu klappern und es lief weg. In jener Nacht kam es nicht zurück. Irgendwann schlief ich ein.



Am Morgen fragte mich der gute Gatte, wie ich denn geschlafen hätte. Nun, sehr schnell stellte sich heraus, dass auch er alles gehört und genau wie ich nur still dagelegen hatte,  um weder den anderen noch das Untier zu erschrecken. Aber nun war es hell. Der Spuk war vorbei. Das Untier war weg. Alles schien wie immer. Wir sammelten Holz fürs Feuer und Pilze und Beeren fürs Abendessen. Doch als ich auf der Wiese saß und die Pilze putzte, spürte ich, dass ich aus der Tiefe des Waldes beobachtet wurde, dass das Untier jede meiner Bewegungen verfolgte und nur auf die Dunkelheit wartete. Der gute Gatte glaubte mir kein Wort. Trotzdem entzündeten wir schon am Nachmittag das Feuer, ich bestand darauf. Ich wusste, sowie es dunkel würden, käme das Untier zum Zelt. Ich spürte seine Nähe. Es war sehr nah.


Ich war schon in meinen Schlafsack gekrochen, als der gute Gatte das Feuer löschte. Er ulkte zwar noch herum,  rannte aber doch lieber die paar Meter bis zum Zelt, hechtete hinein und riss den Reißverschluss zu. Und da war es auch schon, dieses unheimliche Wesen. Wieder lief es ums Zelt und schnüffelte. Als es sich diesmal an den Töpfen zu schaffen machte, geriet der Turm, den wir aus unseren Blechnäpfen gebaut hatten, ins Wanken und fiel scheppernd in sich zusammen. Der Krach vertrieb es zwar wieder, doch ich wollte nur noch weg.


Am nächsten Morgen sind wir in aller Frühe abgereist. Nie wieder waren wir auf dieser Wiese. Und bis heute weiß ich nicht, was für ein Wesen dieses Untier war.
Hat vielleicht von Euch einer eine Idee?

Allen eine gute Nacht.
Lieben Gruß
Katala

Kommentare:

  1. Wie gruselig!!!!
    Und dann deine Bilder dazu ... Du hast eine 1A Gruselgeschichte geschrieben, liebe Katala.
    War es vielleicht ein Waschbär? Ich weiß nicht, was der so für Geräusche macht, aber er kommt glaube ich ziemlich frech ziemlich nah an Menschen heran ...

    Toll hast du's erzählt, ich fühlte mich wie live dabei!

    Ganz liebe Grüße und hab' ein wunderbares Wochenende ... Frauke

    P. S.: Bald geht unsere Stalking- (eigentlich ja Spanner) Saison übrigens wieder los ;-)
    Ich bin noch ganz gut im Rennen für Hamburg, auch dank deiner Hilfe!!!

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  2. So spannend und das kurz vorm schlafen. Ich habe ganz atemlos jedes Wort verfolgt. Ihr seid so mutig. Ich glaube, ich war schon immer eher ein Angsthase. Aber die Masurken wären was für mich, vielleicht nur nicht ganz so einsam und tief im Wald. Danke für die Gute-Nacht-Geschichte

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  3. Masuren meine ich. Warum glaubt die "Schreibhilfe" auf meinem Pad immer besser Wissen zu müssen, was ich schreiben will - schreckliche Technik.

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    1. Ganz so falsch war die Schreibhilfe ja gar nicht. Zumindest lag sie geografisch richtig, wenn man annimmt, dass sie, also die Schreibhilfe, mit Masurken die Mehrzahl von Masurka meint, denn die Masurka ist ein alter Volkstanz aus den Masuren. Dort ist es natürlich nicht nur so einsam wie auf unserer Wiese. Vom Burghotel bis zum Ferienhaus gibt es dort inzwischen alles.
      Lieben Gruß
      Katala


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  4. Was für eine Geschichte! Gänsehautfeeling pur!!
    Aber was das sein könnte?? Keine Ahnung.
    Ein Wildschwein vielleicht oder ein Dachs? Hörte es sich denn schwer an?
    Deine Bilder sind wunderschön!
    Herzlichst, Nicole

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  5. Wunderbare Fotos und eine spannende Geschichte! Ich glaube, mir wäre da auch das Herz in die Hose gerutscht. Wenn es mit hohen Beinen über die Zeltleinen gestiegen ist, muss es ja was größeres gewesen sein. Waschbär und Dachs würden dann wegfallen. Wildschwein könnte schon eher sein. Wölfe solls in den Masuren ja auch noch geben...

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    1. Ein Wildschwein war es nicht. Deren Geräusche kenne ich. Dann bleibt ja fast nur noch Wolf oder ein streunender Hund...
      Lieben Gruß
      Katala

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  6. Masuren...ich finde, dieser Name klingt schon geheimnisvoll...zumindest für mich...;-) Vielen Dank für die Geschichte! LG Lotta.

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  7. Liebe Katala,
    erst mal fand ich die Geschichte so schön, wie Ihr dort hin gefunden habt. Es gibt sie also, diese Plätze, die man ganz für sich alleine hat!
    Naja, so ganz für sich alleine dann wohl doch nicht. Aber auf Menschenfleisch war das Ungeheuer ja nicht aus ;o) Ich glaube, ich wäre total neugierig gewesen und hätte nachsehen müssen. Also nicht in dem ich raus gestapft wäre, aber durch einen Spalt oder so.
    Ein wirkliches Ungeheuer hätte vor scheppernden Töpfen auch keine Angst gehabt. Also mich hast Du nun unendlich neugierig gemacht!
    Eine schöne, neue Woche und liebe Grüße von der Elke

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    1. Meine Neugier war damals start eingeschränkt, da ich im dritten Monat schwanger war. Und nur mal schnell durch einen Spalt schauen, ging bei diesem kleinen alten Zelt nicht. Da gab es nur eine Öffnung, den Eingang. Und da das Tier immer dicht um unser Zelt lief, habe ich es nicht gewagt, den Reißverschluss auch nur wenige Zentimeter aufzuziehen, da ich befürchtete, dass wir dann direkt auf gefletschte Zähne schauen und das Untier uns sofort anfallen würde.
      Warum auch immer - ich ging davon aus, dass es entweder ein streunender Hund oder ein Wolf war. Aber ich weiß es eben nicht. Leider.
      Lieben Gruß
      Katala

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  8. Hallo Katala,
    oh, wie gruselig. Ich hätte die ganze Nacht kein Auge mehr zu getan und wenn ich mich dann noch beobachtet gefühlt hätte, wäre ich sofort abgereist. Ich bin der totale Angsthase in so was. Aber ansonsten klingt es herrlich, ein Stückchen unberührte Natur.
    LG zu Dir
    Manu

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