Sonntag, 18. Mai 2014

Aschenputtel war beim Ball

Ich armes Aschenputtel habe kein Ballkleid und keine güldenen Pantöffelchen. Nur ein einziges ganz einfaches Tageskleid. Und das mit der Fee hat nicht geklappt - wahrscheinlich wegen der fehlenden Stiefschwestern. Und darum habe ich, das Aschenputtel, ganz lange mit mir gehadert, ob ich überhaupt gehen soll, so ganz ohne Schön. Aber kurz vor Knipp habe ich mich dann doch entschieden. Rein ins Auto und los ging's. Auf zum Ball nach Paretz.



Und da ich zu den wahrscheinlich sehr wenigen Menschen gehöre, die es trotz Navi schaffen, sich zu verfahren, kam ich natürlich wieder einmal zu spät. Viel zu spät. Da war keine Zeit mehr, etwas passenderes Schuhwerk anzulegen. Da musste ich, so wie ich war, rein ins Getümmel.


Das schöne an diesen Bällen ist, dass die Tänze des Abends vorher in Workshops geübt werden. Menschen wie ich, die nur wenige Male im Jahr  und zudem auch noch als blutige Anfänger diese historischen Tänze tanzen, würden sonst ziemlich dumm aus der Wäsche schauen, wenn es dann abends nur noch heißt: "Und als nächstes tanzen wir Mr. Beveridg's Maggot." Ehm... Ja.
Also lieber so, wie man ist, zum Workshop rennen und das Gehirn noch schnell auf  SPEICHERN stellen.


Es sind nicht viele Figuren, die man kennen muss. Die Reihenfolge macht's bei diesen Tänzen. Und wirklich jeder Tanz ist anders.  Da ist man gut beraten, wenn man den Worten der  Tanzmeisterin aufmerksam lauscht, Takt und Füße auf ein Level bringt und an nichts anderes mehr denkt. Wenn die Kapazität des Hirns ausgeschöpft ist, kann man nur noch hoffen, dass sich die Füße auch das eine oder andere gemerkt haben.

Nach dem Workshop ging's ins Schloß. Aber erst einmal mitten auf die Straße, um die Blickachsen zu fotografiert (ist ja zum Glück Dorf, kommt ja kein Auto).





Und dann Schlossbesichtigung. Was für Fluchten! Hach ja, hier hätte ich mich auch wohlgefühlt. Vor allem als Kind. Hier Fangen spielen, einmal rundrum durchs ganze Schloss... 
Durfte man aber sicher nicht. Die Haushofmeisterin soll ja ein ziemliches Drachudel gewesen sein. Immer streng auf die Etikette bedacht.

Tja, damals herrschte noch Zucht und Ordnung. Auch beim Tanz. Berührungen: Mehr als die Hand war nicht erlaubt und die der Damen gehörte behandschuht.


Nicht einmal die habe ich. Keinen Hut, keine Handschuhe und die Stiefel passen auch nicht in die Zeit.


Nur einen derben Baumwollfummel besitze ich bisher, der zu allem Überfluss auch noch kilometerlang hinter mir herschleppt. Macht sich beim Rückwärtstanzen aber nicht so gut, wenn man ständig auf sich selber tritt. Da sitzt man nämlich schnell mal auf dem Hintern. Und mit beiden Händen (gefühlte) hunderte Meter  Stoff raffen, geht auch nicht, denn die Hände, mal die eine, mal die andere und manchmal auch beide, braucht der Tanzpartner.  So mussten ein Dutzend Sicherheitsnadeln den Stoff nach oben hieven, was den Gesamteindruck nicht verbesserte. Eben Aschenputtel ganz ohne Verwandlung.
Und die anderen Damen hatten alle sooo schöne Ballkleider.



Außer der Ballgesellschaft war weit und breit kein Mensch zu sehen. Nichts erinnerte an die Gegenwart. Es war ein wenig wie ein Sprung in eine andere Zeit, in der alles irgendwie... schöner? war.
Ja, ich weiß. Ich habe "Midnight in Paris" gesehen. Und hab's auch schon vorher gewußt. Früher war alles viel besser und so geht's zurück bis zum Urknall.


Nein, so meine ich das nicht. Aber damals steckte neben dem Teufel eben auch noch ein wenig Liebe im Detail.  Allein der Griff des alten Sonnenschirms...


Man hält heute soviel auf die Funktionalität der Dinge und vergißt darüber nur zu gern, dass man auch in früheren Jahrhunderten durchaus in der Lage war, Lösungen zu finden, die mehr als nur praktikabel waren.
Aber ich schweife ab vom Ball. Macht aber nichts, ich habe sowieso keine Fotos mehr davon. Draußen goß es inzwischen wie aus Kannen, darum war's drinnen viel zu dunkel zum Fotografieren.

Nach dem Regen bin ich in einer Tanzpause noch einmal durch den Park geschlendert. Die untergehende Sonne war wieder hervorgekommen und tauchte alles in ein goldenes Licht. Bis ich an der Wiese war, war es weg. Aber plötzlich war für ein paar Minuten ein Regenbogen da.


Danach zeigte sich der Himmel in zartem Abendrot. Die Vögel zwitscherten laut ihre Gute-Nacht-Lieder und aus dem Ballsaal klang ganz leise wieder Klaviermusik.


Noch einen letzter Blick durch den Park auf die Wiese geworfen. Noch einmal tief den Duft der noch regenfeuchten Luft geatmet. Und dann ging's zurück zum Tanz.


Auf der nächtlichen Heimfahrt träumte ich schon vom nächsten Ball. Aber dann in einem Ballkleid wie aus dem Märchen...
Na ja, das mit der Fee wird sicher wieder nicht klappen - halt fehlende Stiefschwestern und so. Ich werd's wohl nähen müssen.

Als ich dann zu Hause aus dem Auto stieg, hatte mich die Realität ganz schnell und ganz und gar endgültig wieder.

AUA!
Meine Füße! 


Ich wünsche allen einen schönen Wochenstart.

Lieben Gruß
Katala

Kommentare:

  1. Tolle Bilder und eine schöne Geschichte!
    Liebe Grüße,
    Markus

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  2. woah... toll, das ist ja eine tolle idee mit den historischen tänzen! ich bin beeindruckt.
    und falls dich das beruhigt: ich verlaufe mich sogar in einer telefonzelle... MIT navi. also, schicksalsschwester: das soll uns erstmal jemand nachmachen :)
    liebe grüße,
    sandra

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